von Fritz Kleinschroth (Leibniz Universität Hannover)
Die Stärke der deutschen Eingriffsregelung liegt in ihrer systemischen Integration. Über 50 Jahre hinweg ist es gelungen, die Vermeidung, Minimierung sowie den Ausgleich und Ersatz von Natur- und Landschaftseingriffen fest in der räumlichen Gesamtplanung und der kommunalen Bauleitplanung zu verankern. Nicht zuletzt die Einführung von Flächenpools und Ökokonten ermöglichte den Übergang von isolierten, oft funktionslosen Kleinstmaßnahmen hin zu einer strategischen, landschaftsbezogenen Bevorratung von Kompensationsflächen. Das Instrument sichert somit eine kontinuierliche Refinanzierung von Naturschutzmaßnahmen durch private und öffentliche Vorhabenträger.
Trotz dieser strukturellen Erfolge schmälern gravierende Implementationslücken den ökologischen Nettoeffekt. Ein Kernproblem bleibt das eklatante Vollzugs- und Kontrolldefizit: Viele festgesetzte Kompensationsmaßnahmen werden in der Praxis verzögert, unvollständig oder qualitativ unzureichend umgesetzt. Zudem fehlt es flächendeckend an einem standardisierten, langfristigen Monitoring, das die ökologische Funktionsfähigkeit der Flächen über Jahrzehnte hinweg überprüft. Da überdies lange Zeit bundesweit einheitliche Standards zur Quantifizierung von ökologischen Verlusten und Gewinnen fehlten, bleibt der reale Erfolg im Sinne eines echten Biodiversitätserhalts schwer messbar.
Für die Fachwelt resultiert daraus klarer Handlungsbedarf. Um den Anforderungen moderner Naturschutzabkommen gerecht zu werden, muss die Eingriffsregelung reformiert und konsequent digitalisiert werden. Erforderlich sind transparente, registergestützte Kompensationsverzeichnisse sowie eine stärkere Verknüpfung der Maßnahmen mit agroökologischen und klimarelevanten Transformationsprozessen. International bietet das deutsche Modell wertvolle Erfahrungen: Es zeigt, dass selbst ein starkes rechtliches Fundament ohne stringente Vollzugsüberwachung und evidenzbasierte Metriken Gefahr läuft, seine ökologische Wirkung zu verfehlen. Die Modernisierung der Eingriffsregelung ist daher der Schlüssel, um bloße Schadensbegrenzung in echten Biodiversitätsgewinn zu übersetzen.
Referenz:
Kleinschroth, F., Wende, W., Albert, C., & Von Haaren, C. (2026). Key lessons from 50 years of Germany’s impact mitigation regulation for biodiversity offsetting. Nature Ecology & Evolution, 10(5), 833–836. https://doi.org/10.1038/s41559-026-02996-5